Stimmen aus dem Exil (3/10) | „Ich bin weder ein Feigling noch ein Held, ich bin ein Deserteur“

Roman Romanenko wurde in Russland strafrechtlich verfolgt und bedroht, weil er es wagte, Putin zu kritisieren. Vor vier Jahren hat er Russland verlassen und ist nach Serbien gezogen.

Von Roman Romanenko (übersetzt von Annika Will)

© CdB / Bruno Tolić

Dieser Text ist auch in Russisch, Französisch und Serbisch verfügbar.


Der Krieg in der Ukraine hat Millionen Menschen ins Exil getrieben. Ukrainer, aber auch Russen und Weißrussen, die vor dem Moskauer Regime fliehen und in Serbien Zuflucht gefunden haben, wo sich eine Gemeinschaft organisiert. Was denken sie über die Situation ? Wie erleben sie das Exil und ihre Abreise mitunter ohne Wiederkehr ? Gekreuzte Blicke.

Ich bin ein Deserteur.

Seit ich Russland vor vier Jahren verlassen habe, habe ich als Journalist keine Zeile mehr geschrieben. Mein Beruf und mein Land sind mir zu gefährlich geworden.

Als Russland 2014 mit der Besetzung der Krim begann, schrieb ich einen offenen Brief an Wladimir Putin. Darin schlug ich ihm vor, er könnte doch seine Truppen in die Region Wologda schicken, wo ich damals lebte und arbeitete. Schließlich gibt es auch dort eine russischsprachige Bevölkerung, die Schutz und Betreuung braucht.

Das war natürlich Satire. Aber der angebliche Schutz der russischsprachigen Bevölkerung war ja der Vorwand, um die Krim zu besetzen. Und dieser Logik folgend hätte man in ganz Russland einmarschieren müssen, wo eine komplett russischsprachige Bevölkerung unter schlechter medizinischer Versorgung, Korruption und Auflösungserscheinungen des Staates leidet.

Mein Brief an Putin hatte einen Riesenerfolg, und ein paar Wochen lang war ich so etwas wie eine Berühmtheit. Millionen Menschen haben den Brief gelesen und viele Medien überall auf der Welt berichteten darüber. Das hat die russischen Behörden natürlich wütend gemacht.

Was folgte, waren Besuche von der Staatsanwaltschaft, Durchsuchungen, Verhöre… und Schikanen von „patriotisch gesinnten Mitbürger:innen“. Eines Tages kam ich nach Hause und sah auf meiner Wohnungstür ein Hakenkreuz und den Slogan „Stop Maidan“. Die Leute in meinem Haus hatten Flugblätter im Briefkasten, in denen sie gewarnt wurden, ihr Nachbar sei „Abschaum“ und habe fest vor, Russland und die Ukraine zu zerstören, so wie das angeblich mit Jugoslawien geschehen sei.

Gegen mich wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Neben meiner journalistischen Arbeit war ich auch im karitativen Bereich aktiv. Ich war Mitgründer einer Stiftung, mit der wir schwerkranken Menschen helfen wollten. Man warf uns vor, umgerechnet etwa 100 Euro aus dem Stiftungshaushalt veruntreut zu haben. 12 Ermittler:innen unterschiedlicher Behörden waren mit dem Fall betraut, die Ermittlungen dauerten mehrere Monate.

Polizeibeamte kreuzten in den Krankenhäusern bei todkranken Patient:innen auf (das ist nicht metaphorisch gemeint !) und befragten die Eltern von an Leukämie erkrankten Kindern nach der Funktionsweise unserer Stiftung. Diese kranken Menschen bekamen die Medikamente, die sie brauchten, nicht vom Staat, es war unsere Stiftung, die sie ihnen finanzierte.

Letztendlich wurde das Verfahren mangels Beweisen für kriminelle Handlungen eingestellt. In den relativ ruhigen Zeiten damals war das noch möglich. Es sollte aber nicht lange dauern, bis Menschen wie ich aus noch viel abwegigeren Gründen für lange Zeit weggesperrt wurden.

Was tun, wenn selbst gebildete und eher besonnene Leute anfangen, Propaganda-Erzählungen weiterzuverbreiten ?

Ich habe also ganz schön Glück gehabt. Doch ich fragte mich, was als nächstes geschehen würde. Und mir wurde klar, dass die Gesellschaft schon begonnen hatte, immer faschistischer zu werden, und dass das unweigerlich zu einem sehr traurigen Ende führen würde. Aber zuerst in einen Krieg – wahrscheinlich mit der Ukraine.

Ich bin kein Feigling, aber auch kein Held. Anders als Alexej Nawalny bin ich nicht bereit, für meine Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen – erst recht nicht in ein russisches Gefängnis. Man kann gegen Putin vorgehen. Aber was tun, wenn die große Mehrheit der russischen Bevölkerung die Erzählung von einer postsowjetischen Rache enthusiastisch akzeptiert und überzeugt ist von der geistigen Überlegenheit Russlands gegenüber dem „verdorbenen“ Westen, und mehr noch gegenüber einer als „minderwertig“ eingestuften Ukraine ?

Was tun, wenn selbst gebildete und eher besonnene Leute anfangen, Propaganda-Erzählungen weiterzuverbreiten ? Propaganda zur NATO-Erweiterung, zur ukrainischen Nation, die wahlweise von den Österreichern erfunden oder von Lenin geschaffen worden sein soll, über die gute alte Sowjetunion, die Gorbatschow zerstört habe oder darüber, dass alle Welt uns hasse und angreifen wolle.

Nichts !

Deshalb haben meine treue Partnerin und ich uns entschlossen, zu desertieren. Wir haben verkauft, was wir verkaufen konnten und alles ins Auto gepackt, was wir brauchten. Es war so vollgepackt, dass sich der polnische Zollbeamte fast verletzte, als er versuchte, den Kofferraum zu öffnen. Und dann fuhren wir ins Ungewisse.

Für mich ist die Geschichte mit dem Brief an Putin nur eines von vielen Kapiteln, die die komplizierten Beziehungen zwischen der freien Presse, den Behörden und den Bewohner:innen des Landes illustrieren. Zusammen mit meinen Kolleg:innen haben wir jahrelang einen lokalen Radiosender, eine Regionalzeitung und ein unabhängiges Onlineportal betrieben. Dafür haben wir viele Preise bekommen.

Und in all diesen Jahren ist der Druck der Behörden auf uns immer größer geworden : Strafverfahren, physische Gewalt, Drohungen, wirtschaftlicher Druck… zum Beispiel galt für große Werbetreibende die unausgesprochene Regel, dass es verboten war, Spots und Anzeigen in unabhängigen Medien zu schalten.

Je mehr die Staatspropaganda zunahm, desto mehr bemerkten wir, dass viele Menschen gar nicht mehr wirklich informiert werden wollten, und dass es sie auch nicht mehr interessierte, Zugang zu verlässlichen und bestätigten Quellen zu haben. Das russische Volk ist nicht nur Opfer der Propaganda, sondern zum Teil auch deren „Kunde“ : Denn diese Art von Informationen gefällt vielen Leuten – sie gibt ihnen ein Gefühl von Größe, Wichtigkeit und Überlegenheit.

Wie soll man da verhindern, dass die Russinnen und Russen am Ende an solche aberwitzigen Geschichten glauben wie die von ukrainischen Biolaboren oder Vögeln, die Viren verbreiten, die nur Russen befallen ?

Wir haben nicht nur mit journalistischen Mitteln für die Wahrheit gestritten, sondern waren von 2011 bis 2013 auch bei fast allen Protestkundgebungen dabei. Zeitweise hatten wir das Gefühl, das korrupte Regime stünde kurz davor, Zugeständnisse zu machen. Doch wir waren zu wenige und zu schwach gegenüber dem mächtigen staatlichen Repressions- und Propagandaapparat. Wir haben verloren. Und ich glaube, damals hat auch Russland verloren.

Es hat sich so ergeben, dass wir jetzt in Serbien leben – einem in jeder Hinsicht freundlichen und herzlichen Land. In vier Jahren haben wir uns angepasst, wir haben ein Haus gekauft und eine Beschäftigung gefunden, die weder etwas mit Russland, noch mit Journalismus zu tun hat. So können wir jetzt auch denjenigen helfen, bei denen es etwas länger gedauert hat – denen erst am 24. Februar die traurige Realität des heutigen Russlands klar geworden ist. Nun haben auch sie sich aufgemacht ins Ungewisse.

In Serbien ist schon immer auch Russisch gesprochen worden, aber im öffentlichen Raum war die Sprache noch nie so präsent wie im Moment. Die neue Migrationswelle hat sogar schon zu einer Erhöhung der Preise auf dem Immobilienmarkt geführt. Serbien wird oft für seine zu große Russlandfreundlichkeit kritisiert. Ironischerweise ist das Land dadurch nun zu einem der letzten Fluchtwege für diejenigen Russinnen und Russen geworden, die gegen diesen Krieg sind und dem Faschismus ihres Landes entfliehen wollen.

Wir gewöhnen uns allmählich an den Gedanken, unser Land vielleicht nie mehr wiedersehen zu können.

Das hat es in der Geschichte schon einmal gegeben. Nach dem russischen Bürgerkrieg, zu Beginn des letzten Jahrhunderts, nahm Serbien – oder genauer gesagt das Königreich Jugoslawien – zehntausende russische Exilant:innen auf. Später leisteten viele von ihnen einen bedeutenden Beitrag zu Bildung, Kultur und Wissenschaft ihrer neuen Heimat.

Was die neue Einwanderungswelle Serbien bringen wird, muss sich erst noch zeigen. Doch wie beim letzten Mal kommt eine große Zahl gebildeter, intelligenter und tatkräftiger Menschen hierher, für die es zu gefährlich geworden ist, in Russland zu bleiben. Schon jetzt ist klar, dass Serbien daraus einen Entwicklungsschub ziehen dürfte, besonders die IT-Industrie.

Natürlich hat auch Serbien viele Probleme beim Thema Demokratie und Meinungsfreiheit. Doch anders als im hoffnungslosen Fall Russlands könnten diese Probleme gelöst werden. Ich glaube, dass das Land, das seit vielen Jahren zwischen den Stühlen sitzt, sich für die europäische Art der Entwicklung entscheiden wird. Und, dass es dafür nicht denselben hohen Preis zahlen wird wie derzeit die Ukraine.

Wir können uns nicht beklagen. Verglichen mit anderen Geflüchteten haben wir uns gut eingelebt. Wir gewöhnen uns allmählich an den Gedanken, unser Land vielleicht nie mehr wiedersehen zu können. Die journalistischen Projekte, die wir in Russland ins Leben gerufen hatten, sind größtenteils „tot“. Manche gibt es noch, aber es wäre besser, auch sie würden verschwinden, denn sie haben sich in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Glücklicherweise kann die gemeinnützige Stiftung nach wie vor weiterarbeiten und Menschenleben retten.

Nur manchmal fragen wir uns, warum es bloß zu all dem kommen konnte.

Umgesetzt mit der Schweizer Botschaft in Serbien und des Belgrader Büros der Heinrich-Böll-Stiftung.